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Foto: dpa / Illustration: Johannes Thielen
Schneller Schlau

Warum die Coronakrise Musiker so hart trifft

Von BENJAMIN FISCHER, Grafiken: JOHANNES THIELEN · 27. Juli 2020

Die meisten Musiker sitzen wegen der Pandemie zwangsweise zu Hause fest. Und merken dabei, dass die sch?ne neue Streaming-Welt nicht funktioniert, wenn man mit seinen H?rern nicht über Konzerte Geld verdient.

Die letzten vagen Hoffnungen hat die Corona-Pandemie endgültig zunichte gemacht: Bruce Springsteen wird wohl frühestens 2021 wieder mit seiner E Street Band unterwegs sein. Für einen Musiker wie ihn ist der Stillstand des Konzertlebens finanziell kein Drama. Ganz anders geht es aber den unz?hligen kleinen und mittleren Künstlern, welche die gro?e Mehrheit der Musikwelt ausmachen. Wie heikel deren Situation mitunter ist, unterstreicht eine Umfrage des Bundesverbands der Kultur- und Kreativwirtschaft aus dem M?rz.

Fast die H?lfte der Befragten rechnete mit Umsatzeinbu?en von mehr als 30 Prozent, die Umfrage richtete sich an Solo-Selbst?ndige und Kleinstunternehmen aus dem Kreativbereich. Viele Musiker dürften im M?rz zudem noch auf den Festival-Sommer und Tourneen im Herbst und Winter gehofft haben. Mittlerweile erscheinen selbst letztere unwahrscheinlich.

Das Live-Gesch?ft ist nicht nur wegen der Einnahmen aus dem Kartenverkauf so wichtig für Musiker. Vom jeweiligen Anteil muss zudem der Tour-Tross bezahlt werden, sodass ein Künstler nach einer Tour mit Konzerten vor bis zu 1000 Zuschauern und rund 25 Euro je Ticket nicht gerade in Geld schwimmt. Erst mit wachsender Popularit?t steigen gew?hnlich die Ticketpreise, werden die Hallen gr??er und auch die Einnahmen der Musiker.

Auftritte sind aber auch der beste Weg, um Menschen für seine Musik zu begeistern und direkt CDs, Schallplatten und Fanartikel zu verkaufen. Dazu kommt der Job als Vorband von bekannteren Künstlern, der jungen Bands eine ungewohnt gro?e Kulisse beschert – ein wichtiges Sprungbrett, ebenso wie Festivals. Wie aber sieht es abseits der Bühnen aus?

Der weltweite Markt für Musikaufnahmen  w?chst seit nunmehr fünf Jahren wieder. Verantwortlich dafür ist der Boom des Streamings, w?hrend die physischen Tontr?ger immer weiter an Bedeutung verlieren. In Deutschland wurden im Jahr 2019 zum ersten Mal  mehr als 100 Milliarden Songs als Stream abgerufen.

Zwei gute Nachrichten, die allerdings nicht automatisch ein ausk?mmliches Einkommen für die Musiker bedeuten. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, was letztlich beim Künstler ankommt, gilt es zun?chst zu bedenken, dass die Streamingdienste kein Geld direkt an Musiker überweisen. Von den 9,99 Euro, die beispielsweise ein Spotify-Abonnent monatlich bezahlt, schüttet der Dienst rund 70 Prozent an die Rechteinhaber aus, die ihnen Musik zur Verfügung stellen.

Gut drei der knapp zehn Euro kommen bei den Labels an, hei?t es in der Branche – auch Vertriebe, Verwertungsgesellschaften und Verlage wollen bedacht werden. Von diesen drei Euro wiederum sollen meist deutlich weniger als die H?lfte an die Künstler gehen. Die Verwertungsgesellschaften zahlen Tantiemen an die Autoren eines Werkes aus. Teils ist das nicht der aufführende Künstler selbst oder zumindest nicht alleine: Am jüngsten Hit von Lady Gaga und Ariana Grande (?Rain On Me“) haben zum Beispiel sechs weitere Songwriter mitgewirkt. Wie viel in welchem Fall bei allen Parteien ankommt, ist ein gut gehütetes Geheimnis.

Der Blog The Trichordist schlüsselt allerdings einmal im Jahr auf Basis der Daten eines mittelgro?en Indie-Labels mit einem Katalog von ungef?hr 350 Alben auf, was die gro?en Plattformen ausschütten. 2019 haben die Werke des Labels mehr als 1,5 Milliarden Streams generiert. Demnach erhielt das Label von Marktführer Spotify 0,348 Dollar-Cent je Stream, w?hrend bei Apple Music 0,675 Cent oder Deezer 0,562 Cent zu Buche standen.

Doch sind diese Zahlen mit Vorsicht zu genie?en. Denn sie ergeben sich ausschlie?lich aus den Daten eines einzigen Labels. Zudem werden etwa im Fall von Spotify Streams eines Premiumnutzers anders vergütet als die eines H?rers, der die Gratis-Version nutzt. Nicht zuletzt zahlen die Dienste nicht pro Stream, sondern schütten gem?? einem internen Schlüssel Tantiemen aus. Auch wie viel letztlich das Trichordist-Label an seine Künstler weitergibt, h?ngt von den jeweiligen Vertr?gen ab. Ein gutes Gefühl für die Dimensionen, liefern die Daten gleichwohl – zumal es nur wenige ?ffentlich zug?ngliche gibt. Alleine durch Streamingeinnahmen k?nnen die meisten Künstler ihren Lebensunterhalt jedenfalls kaum finanzieren.

Eine andere gute Quelle ist die kanadische Cellistin Zo? Keating. Seit einigen Jahren ver?ffentlicht die Musikerin immer wieder die Auszahlungen, die sie als unabh?ngige Künstlerin, die ihre Musik in Eigenregie über zwei Dienstleister an die Streamingdienste vertreibt, erh?lt. 2017 erhielt sie insgesamt 19.629,80 Dollar für insgesamt 3.586.003 Streams. Die meisten davon stammten von Spotify, von wo auch das meiste Geld kam – obgleich die Rate pro Stream bei anderen Diensten h?her ist. 

Keatings Zahlen sind durchaus beachtlich. Die Stars der Zunft generieren eine solche Summe an Streams allerdings in wenigen Wochen oder gar Tagen. Die Cellistin verdiente 2017 zudem über Downloads rund 21.000 Dollar. Mit fast 37.000 Dollar erhielt sie auch viel über die ASCAP. Die Gesellschaft ist vergleichbar mit der deutschen Gema und sammelt Gelder für die Nutzung von Werken in Fernsehen, Film oder Werbung ein. Nicht in der Liste sind Keatings Live-Einnahmen und die Verk?ufe von Tontr?gern. Letztere sinken zwar grunds?tzlich seit Jahren, gerade hochpreisige Pakete mit limitierten Fan-Artikeln oder Vinyl-Sondereditionen bieten aber lukrative M?glichkeiten.

Nicht wenige Musiker versuchen, ihre Ausf?lle zur Zeit so abzufedern. Denn ohne Konzerte merken viele, dass das System Streaming kaum noch funktioniert, wenn sie mit den H?rern, die sie so unkompliziert erreichen, nicht über andere Wege Geld verdienen k?nnen. Es bleibt die Frage, wann das lukrative Live-Gesch?ft wieder zu den Werten zurückkehrt, welche die zuversichtliche Prognose der Beratungsgesellschaft PwC ermittelte.

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Quelle: F.A.Z.

Ver?ffentlicht: 27.07.2020 15:14 Uhr

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