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Rezension: Belletristik : Wie man ein Genie füttert

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Aus der Verwandtschaft: Chaim Be'er knotet Stricke, bis sie halten

          2 Min.

          Langsam legt das Schifflein dieser Erz?hlung ab, aber bald entfaltet es seine pr?chtigen Segel und beh?lt seinen gro?en Wind bis zum Ende. Zun?chst fragt man sich, warum der Verfasser eine offenkundige Autobiographie, in der noch lebende Schriftsteller vorkommen, zum Beispiel F. C. Delius, einen Roman genannt hat. Noch ehe hundert Seiten vorbei sind, wird die Erkl?rung geliefert: Der Schriftsteller, hei?t es, ist, auch wenn das Leben ihn inspiriert, nicht an die Wahrheit und das, was geschieht, gebunden, sondern allein der Genauigkeit verpflichtet. Der Wunsch nach einer beschr?nkten, rein formalen Wahrheit sei für einen zur Obsessivit?t neigenden Autor gef?hrlich, denn er k?nne dazu verleiten, der Wirklichkeit die Gesetze der Vollst?ndigkeit aufzuzwingen.

          Diese weisen Worte ?u?ert nicht der Erz?hler, sondern seine Mutter. Diese Mutter, die in einer ersten Ehe zwei Kinder verloren hat und eine Neigung zur Literatur verspürt, will mit ihrem sp?tgeborenen Sohn einen Dichter aufziehen. Der Text ist durchzogen von ihren Anmerkungen zum dichterischen Schaffensproze? und zur Ethik des Schriftstellers. Wollte man die Fragmente ihrer Einsichten zusammenfügen, h?tte man einen ernstzunehmenden Leitfaden des professionellen Schreibens vor sich.

          Aber gilt er auch für ihren noch anderen Einflüssen ausgesetzten Sohn? Der rationalen, einer antireligi?sen Aufkl?rung untertanen, jeder Orthodoxie abholden Mutter steht eine dem jüdischen Glauben und Aberglauben ergebene Gro?mutter gegenüber. Auch sie n?hrt das werdende Genie des Jungen mit jüdischen Legenden und der Geschichte ihrer rabbinischen Vorfahren. Doch auf den Kontrast der gefühlsbetonten Rückschau in die Vergangenheit der Gro?mutter und dem aufkl?rerischen Zukunftsdenken der Mutter lassen sich diese Gestalten nicht festlegen. Alle philosophischen Ausrichtungen werden mit einem Blick in ihre psychische Genese bereichert und relativiert. Dennoch ist es klar, da? das Verdikt der Mutter, gute Dichtung habe "ehrlich und liebevoll" zu sein, dem Sohn in die Seele dringt und in seiner Widersprüchlichkeit die Grundspannung seines Schaffens bildet.

          Dann ist da noch der Vater und das Gesch?ft mitsamt der ?konomischen Lage der Familie, ein Onkel und die Tanten, eine Umwelt, in der und von der sie leben, und eine Fülle von Nebenfiguren, die mit ihren Schicksalen, Eigenheiten, Besch?ftigungen, Launen, Herkünften und Interaktionen das dichte Mosaikportr?t eines Jerusalemer Stadtviertels und indirekt eine Dimension des künftigen Staates Israel ergeben. Nichts entgeht der uners?ttlichen Beobachtungsgabe des Knaben und des sp?teren Chronisten. Am Ende ist der Leser so vertraut mit diesem Vater und dieser Mutter, da? er ihr Sterben mit Bedauern und ihren Tod mit Trauer miterlebt.

          Zu den Eigentümlichkeiten dieser Autobiographie geh?rt auch, da? das Ich auf lange Strecken nicht eigentlich agiert, sondern nur das Wahrnehmungszentrum bildet, in dem die F?den zusammenlaufen. Die Familie, die der erwachsene Autor selbst gründet, bleibt v?llig im Schatten. Erst im letzten Viertel kommt auch seine Psyche zur Entfaltung, und an dieser Stelle setzt ein k?stlicher selbstironischer Humor ein, der die ersten Publikationsmi?erfolge des ehrgeizigen Dichterjünglings aus der Perspektive des reifen Schriftstellers begleitet. Wieder einmal erweist sich die Einsicht als richtig, da? die genaue Kenntnis eines bestimmten lokalen Milieus und die F?higkeit, es in seiner Vielfalt schriftstellerisch zu erfassen, universalen Charakter hat. Ein solches Milieu ist mitnichten provinziell, sondern Vorbedingung für das Aufleuchten einer allenthalben gleichbleibenden Humanit?t. Und so kommt es, da? der Leser, ganz gleich welcher Herkunft, diese essentiell jüdische Geschichte als seine eigene erlebt, als Meisterwerk einer Erz?hlkunst, die ihn selbst zutiefst berührt.

          EGON SCHWARZ

          Chaim Be'er: "Stricke". Roman. Aus dem Hebr?ischen übersetzt von Anne Birkenhauer. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2000. 380 S., br., 38,- DM.

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