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Fragen Sie Reich-Ranicki : Hilflos und schutzbedürftig wie seine Figuren

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Schutz suchte der gro?e Journalist und Schriftsteller Joseph Roth nicht nur im Alkohol, sondern auch im Kom?diantischen und selbst im Religi?sen. Seinen Figuren, zu denen auch der Kaiser Franz Joseph geh?rt, m?chte man unentwegt ins Ohr flüstern: Take it easy, meint Marcel Reich-Ranicki.

          2 Min.

          Was halten Sie von Joseph Roth? R.-R., Frankfurt

          Zum ersten Teil der Antwort

          Im Exil kam noch deutlicher zum Vorschein, was freilich schon vorher erkennbar war: Roth, dieser verzweifelte Genie?er des Lebens, suchte Schutz nicht nur im Alkohol, sondern auch im Skurrilen und Kom?diantischen, in verschiedenen Rollen und hinter vielen Masken - und niemand in seiner Umgebung konnte sagen, wo das Spiel aufh?rte und wo die Wirklichkeit begann.

          Er gefiel sich als Kauz mit Grandezza und als Vagabund mit Kavaliersmanieren, als ein exotischer Geck, ein charmanter Nomade und ein resignierter Bonvivant. Er war ein begnadeter Schelm und ein Snob mit ahasverischen Zügen.

          Mit der ?grazi?sen Unschuld eines verirrten Kindes“ suchte er in jenen Jahren Trost beim Katholizismus. Er gab sich im Exil h?ufig als Katholik aus, ohne sich indes taufen zu lassen. Gerade seine sp?teren Arbeiten geh?ren zu seinen sch?nsten - so die herrliche Liebesgeschichte ?April“, so die poetische Erz?hlung ?Leviathan“, so die 1939 in den letzten Monaten seines Lebens verfasste ?Legende vom heiligen Trinker“.

          Mit Roths Herkunft mag es auch zusammenh?ngen, dass sich die besten Bücher durch eine sonderbare Mischung aus Naivit?t und Skepsis auszeichnen, aus ?stlicher Phantasie und westlicher Paradoxie, aus christlicher Demut und jüdischem Zweifel. Hinter dem Bild Alt-?sterreichs, das sich aus seinen Romanen, Erz?hlungen und Aufs?tzen formt, stand nicht eine Einsicht, sondern eine Sehnsucht. ?Ich schreibe jeden Tag, nur, um mich zu verlieren, in erfundenen Schicksalen“ - erkannte er 1936. Nicht als eine politische Realit?t begriff er die Donaumonarchie, sondern als Idee und Vision, als Chiffre und als eine rückw?rtsgewandte Utopie. ??sterreich ist kein Staat, keine Heimat, keine Nation. Es ist eine Religion“ - hei?t es in seinem Roman ?Die Kapuzinergruft“.

          Seine Gestalten, auch die Lumpen und die Schurken, erweisen sich fast immer als arme Kerle: Ob Künstler oder Clochards, vornehme Damen oder billige M?dchen - sie sind allesamt schlecht dran. Bei Roth m?chte man sogar dem würdigen Kaiser Franz Joseph (im ?Radetzkymarsch“) begütigend auf die Schulter klopfen und heimlich zuflüstern: Take it easy!

          Hilflos und schutzbedürftig wie seine Figuren und ebenso versponnen und weltfremd, zugleich weise und einf?ltig, irrte Roth durch das Leben. Er war ihm nur gewachsen, wenn er schrieb. Daher war er immer auf der Flucht. Auf jene Wunder, mit denen er den Gesch?pfen seiner Phantasie etwas Glück und Freude bereitete, wartete er vergeblich. Er musste sich die Wunder, die er so dringend brauchte, selbst erfinden. Ihm, Joseph Roth, blieb nur die Flucht ins M?rchen.

          Bleibt noch (für den ?Radetzkymarsch“) ein ausführliches, nachdenkliches und nützliches Nachwort von Eva Demski.

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